Weshalb ich das Leben liebe

Es ist einer dieser Samstage, wo der Regen schon morgens gegen die Scheibe prasselt. Es ist ende Juli und man müsste denken, dass die Sonne, sowieTemperaturen, weit über zwanzig Grad draußen warten. Heute ziehe ich mir aber lieber eine Strumpfhose unter mein Kleid und anstatt die Birkenstocks nehme ich meine bequemen Sneaker. Der Regen prasselt auf meinen Regenschirm und als ich am Bahnhof angekommen bin ist mein Jute-Beutel durchnässt. Aber es ist okay. Es gibt durchaus schlimmeres. Im Zug scrolle ich durch meine Sommer 2017 Playlist und liebe sie. Kurzzeitig verfluche ich, dass es jedes mal eine halbe Weltreise ist, um zu meiner besten Freundin zu gelangen. Trotzdem liebe ich es, an manchen Tagen Bahn zu fahren. Heute ist einer dieser Tage.

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Meine U-Bahn rollt ein und ich setze mich auf einen Fensterplatz, obwohl ich größten Teils nichts anderes, als die schwärze, der U-Bahnschächte erkennen kann. Am Gänsemarkt betritt ein Typ die Bahn. Ich schaue einmal, schaue zweimal und bete, dass er sich nicht neben mich setzt. Natürlich tut er diesgleichen. Ich kann nicht anders, als ihn anzustarren und fürchterlich dabei zu grinsen. Ich komme mir endlos dumm und wie ein verrückter Schriftsteller vor. Der Mann, er mag mitte zwanzig sein, gleicht eins zu eins meinem Hauptprotagonisten. Es ist verrückt und ich bin irgendwie begeistert. Ich kann nur mit mühe meinen Blick abwenden und meine fast, an Wunder zu glauben. Es tut mir für ihn leid, weil er meine Reaktion durchaus bemerkt hat und des Öftersen etwas verwundert zu mir herüber schaut. Ich hätte gern zu ihm gesagt: Hey, du siehst genau aus, wie ich mir meinen Hauptprotagonisten immer vorgestellt habe. Dazu bin ich natürlich zu feige. Kurz bevor er aufsteht und die Bahn verlässt, wirft er mir ein Lächeln zu. Vielleicht habe ich ihn zu sehr verwirrt, vielleicht gibt es auch einfach noch freundliche Menschen.

Die nächsten Stunden bestehen aus Hawaii Pizza, lachen bis die Tränen kommen, tollen Gesprächen und in Erinnerungen schwelgen während draußen die Welt untergeht. Auf meinem Rückweg zu U-Bahn hat die Sonne sich dann doch dazu entschlossen herauszukommen. Von dem Regen und den Wolken, die über Hamburg waren, ist nichts mehr zu sehen. In der U-Bahn verschicke ich schließlich schnell eine Sprachnachricht, weil ich so glücklich bin und die Begegnung von vorhin teilen muss. Am Hauptbahnhof stelle ich fest, dass mein Zug ausfällt. Das ist nichts Neues. Wenn ich auf die Bahnen angewiesen bin ist jedes Mal Bahnchaos. Ich habe aufgegeben mich darüber aufzuregen. In der halben Stunde, die ich Zeit habe, laufe ich noch einmal zur Alster runter, weil die Sonne beginnt unterzugehen. Ich entdecke auf Spotify, in einer Indieplaylist eines der schönsten Lieder, die ich gehört habe. Ich liebe es sofort und höre es auf und ab.

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Mit meiner S-Bahn zusammen betrete ich später schließlich den Bahnsteig. Sie ist so voll, dass ich die ersten Stationen stehen muss, bis ich einen Fensterplatz, natürlich zur Sonnenseite hin (damit ich den Sonnenuntergang im Blick habe) ergattern kann. Gegenüber von mir sitzt ein Typ, mitte zwanzig mit einer Cap. Er hat eine Obststeige mit Honigmelonen auf dem Schoß. Unsere Blicke treffen sich für ein paar Sekunden. Ich habe es mir abgewöhnt, sofort Blicken, wie ertappt auszuweichen. Ein freundliches, nicht aufdringliches lächeln huscht über seine Lippen und ich erwidere es kurz. Und frage mich, wie es sein kann, dass heute alle Menschen so freundlich sind. Es dauert keine zwei Minuten bis er seine Kopfhörer aus den Ohren nimmt, ich darauf ganz automatisch auch. Er fragt mich, wo ich aussteigen müsse und bittet mich letztendlich darum, ihn zu wecken, falls er einschlafen sollte und vielleicht auch mit ein Auge auf seinen Rucksack haben könnte. Wir wechseln ein paar Worte, bevor er seine Augen schließt und er erzählt mir, dass es in der Langen Reihe wohl die besten Honigmelonen geben würde.

Mein neues Lieblingslied spielt bis auf Anschlag in meinen Ohren und ich muss schon wieder grinsen. Ich muss so grinsen, bis mein Kiefer schmerzt und die Frau schräg gegenüber von mir komische Blicke zuwirft. Das Gefühl des Glücks prasselt so plötzlich auf mich nieder, dass ich am liebsten laut mitgesungen hätte. Ich weiß nicht, wie ich all die letzten Jahre ohne dieses Gefühl leben konnte. Und ich habe das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Ich kann es kaum glauben, dass ich nicht mehr von Wochenende zu Wochenende leben muss. Ich habe auch keine Ahnung, wie ich vergessen konnte, wie schön das Leben ist und wie glücklich mich solche Tage machen.
Eine Station bevor ich aussteigen muss erhebt der Melonentyp sich, nickt mir kurz zu und verabschiedet sich schließlich, indem er mir ein schönes Wochenende wünscht. Ich weiß nicht, wieso es so viele unfreundliche Menschen gibt, wenn es auch anders geht. Mit Freundlichkeit kommt man so viel weiter.

Kommentare

  1. Hört sich nach einem schönen Tag an, liebe Anna :)
    Leider erlebt man heutzutage viel zu selten so freundliche Menschen, die einem einfach mal zulächeln, sodass man jedes Mal überrascht ist, wenn es mal passiert.
    Liebe Grüße,
    alina von http://alinapunkt.blogspot.de/

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  2. Was für ein schöner Post! <3
    Die Fotos sind übrigens auch echt super geworden :)
    Alina // alinacorona.de

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  3. Ein toller Tag, den du erlebt hast.
    Wenn du den Menschen freundlich begegnest, erwidern sie meist diese Freundlichkeit. :)

    Viele Grüße, nossy

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    1. Ja, das war er :-)
      Das stimmt, wobei ich es auch schon oft anders erlebt habe.

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  4. Sehr schöner Post und ganz tolle Bilder :)

    Liebe Grüße
    Jimena von littlethingcalledlove.de

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  5. Unglaublich schön geschrieben, da bekomme ich selbst richtige Glücksgefühle. Solche Tage, wie du sie beschreibst sind goldwert und meistens ereignen sie sich immer genau dann, wenn ich so gar nicht damit rechne.
    Dass man mit Freundlichkeit so viel weiter im Leben kommt, stelle ich immer wieder fest, ich habe gemerkt, dass ich mir oft total schwer tue fremde Menschen anzulächeln. Dabei ist es eine kleine Geste, die schon echt viel bewirken kann, das werde ich mir definitiv versuchen anzugewöhnen:)
    Eine schöne Woche wünsche ich dir!
    https://soulstories-amandalea.blogspot.de

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    1. Danke dir! Und du hast so recht mit deinen Worten! Ich habe mir in den letzten Jahren auch angewöhnt viel mehr andere Leute anzulächeln.
      Dir auch eine schöne Woche! :-)

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  6. Oooh ja, solche Momente lassen einen wieder vertrauen in den Menschen haben. Freundlichkeit oder allein schon ein Grinsen reicht aus um einen einen schönen Tag zu bescheren oder zu vollenden. Ich kenne diese Gefühl zu gut und bin froh, dass es solche Momente gibt :)

    Liebe Grüße,
    magdaeva von https://lifestylemeetsmagdaeva.blogspot.de/

    P.s.: Bin schon auf dein Buch gespannt, du schreibst so gut und spannend, dass das lesen Spaß macht :)

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  7. Einfach nur ein wundervoller Post!!<3 Toll!
    Alles Liebe, Melle

    http://www.lavoguedemelle.com

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